Eigentlich irgendwie eine blöde Sitte, das Überleben in Form von Geburtstagen zu feiern, trotzdem haben wir gestern bei einem kleinen Schnapserl zusammen mit den besten Nachbarn der Welt auf der Terrasse gesessen und Katrins und meinen dritten ‚zelebriert‘.
Alternativ könnte man ja auch die dramatische Wendung zum Schlechteren im Leben genießen und zum Ausheulen in den Keller gehen. Okay, das ist vielleicht auch nicht so das Bewältigungs-Konzept, von daher ist die Geburtstags-Methode wohl doch die bessere.

Ein guter Zeitpunkt, um mal Resümee zu ziehen, ist es auf alle Fälle. Wie sieht es aus, was hat sich verändert, wohin wird die Reise gehen? Unter dem Eindruck (insbesondere) der letzten Zeit fällt das leider eher negativ aus, aber wer es sich antun mag…

(Da es mein Blog ist, werde ich mich auf meine Situation beschränken, an anderer Stelle habe ich schon darauf hingewiesen, dass, wer sich für Katrins Schicksal im Speziellen interessiert, dies bitte mit mir per Mail klären möge.)

Tja, irgendwie kann ich nicht so ganz meiner sonstigen Maxime („Passt schon irgendwie“) folgen, denn in der Zwischenzeit ist ein Trend ersichtlich, der nicht wirklich nach oben zeigt. Kurz nach dem Unfall und den direkten Auswirkungen – Bettlägrigkeit, Unbeweglichkeit, Schmerzmedikation, Angst – ging es natürlich mit jedem Tag steil bergauf und ich habe mich über jede Kleinigkeit gefreut.
Wenn ich so in mein Krankentagebuch von damals schaue: „Nachmittags kommt dann auch der Rollstuhl und ich haue mir mit Begeisterung die Fingerknöchel an den Türzargen an, während ich das EG rollenderweise erkunde.“ Was man nicht alles toll finden kann, wenn das Ausgangsniveau nur niedrig genug ist.
Das hält natürlich nicht ewig so an und irgendwann geht es nicht mehr weiter aufwärts. Ganz im Gegenteil, nach Besteigung des Gipfels der Mobilität (ist in meinem Fall nicht gerade besonders hoch), also dem Wiedererreichen einer Grundbeweglichkeit fehlt aufgrund der Stimmbandlähmung jede Möglichkeit konzentrierten Trainings, um die Beweglichkeit zu verbessern und damit nachhaltig zu erhalten und es geht, gleichmäßig und konsequent bergab.
Kurzer Einschub Recurrensparese (Stimmband- oder Stimmlippenlähmung): Die Stimmbandlähmung bei mir ist beidseitig und wie schreibt der Gutachter: „Aufgrund der erhobenen EMG-Befunde und der an anderer Stelle beschriebenen Befunde ist die Prognose als sehr schlecht einzuschätzen. Eine Rückbildung der Stimmlippenbeweglichkeit wird nicht wieder eintreten.
Die Problematik der Stimmlippenlähmung bds. ist, dass bei Herrn Wenz bereits in Ruhe ein Luftmangel besteht. Bei leichtester Anstrengung verstärkt sich dieser, (…)“

Tja und so habe ich den Salat. Beweglichkeit braucht Training, Training ist nicht, weil „bei leichtester Anstrengung“ und so – also werde ich langsam immer steifer. So eine Art extrensische ALS…
In der Reha nach dem Unfall wusste ja noch niemand von der Stimmlippenlähmung. Allerseits hieß es „das ist die Lunge und das wird schon wieder“. Dementsprechend fiel das Training aus. Dehnen, Übung, Erstickungsanfall. Erhohlung, dehnen, Übung, Erstickungsanfall.
Allein in der Zeit dürfte ich mir von meiner Lebenserwartung schon einiges abgeknapst haben, immerhin konnte ich danach wieder insoweit gehen, dass ich nicht mehr bei jedem Schritt gestolpert bin.
Mittlerweile weiß ich, was ich mir zumuten kann – für ein zufriedenstellendes Leben leider viel zu wenig, insbesondere wenn ich mir anschaue, was ich so vor dem Unfall gemacht habe.

Job (Reden, Vorträge, Seminare) – ist nicht mehr. Gar nicht mehr. Schon Telefonieren ist eine Qual.

Motorrad fahren – das ging ein Jahr nach dem Unfall ganz gut, aber wird immer problematischer, die Schmerzen im linken Bein sind heftig und vermutlich kann ich es bald ganz dran geben. Leider ist das nicht nur irgendein Hobby, sondern zu einem gewissen Maß ein Lebensinhalt gewesen.

Musik machen, insbesondere Singen – ist nicht mehr. Singen gar nicht, Klavier scheitert nicht zuletzt daran, dass angesichts der Vielzahl meiner Verletzungen keine Sau sich um meinen mehrfach gebrochenen kleinen Finger links gekümmert hat, der jetzt steif und kaum belastbar ist (ich hätte auch nie geglaubt, wie schmerzhaft das beim Motorrad fahren ist, wenn der Faustschluss links nicht mehr geht…). Also weg mit der gesamten Ausrüstung, Mikros, Gesangsanlage, Keyboards und besser nicht mehr dran denken.

Sport – ist nicht mehr. Deutsche Meisterschaften, internationale Meisterschaften, alles im Eimer.

Anderes will ich gar nicht im Detail breit treten, aber jeder, der schonmal Sex hatte, weiß bestimmt, was ich meinen könnte…
Kommen wir zu den Aussichten: Irgendwann wird, um der Erstickung entgegen zu treten, eine Operation am Kehlkopf unausweichlich werden. Momentan geht es gerade noch so, in zehn Jahren ist das sehr unwahrscheinlich und schon die nächste Erkältung kann dramatische Folgen haben. Danach habe ich dann eine Kanüle im Hals oder kann nicht mehr sprechen. Nicht gerade das, was man einen tollen Plan nennen könnte.

Achso, der Typ, der mir das alles eingebrockt hat, hat sich bis zum heutigen Tag kein einziges Mal gemeldet. Keine Entschuldigung, keine Anteilnahme, gar nichts.
Das ist dann noch das Tüpfelchen auf dem ‚i’…


sparta

Jede*r anders, alle Drama. Quality misunderstandings since 1963.

5 Kommentare

Christiane · 25. April 2007 um 12:09

Ach, Peter, viel gibt es dazu nicht zu sagen. Nur das: ich habe Dich in den letzten (ist es wirklich schon 3 Jahre her?) Jahren immer im Stillen bewundert, wie gut Du Dein tägliches Leben im Griff hast!

Trichtex · 27. April 2007 um 15:46

Das Leben um Dich herum pulsiert und Du kannst nur zuschauen. Deine Bitterkeit ist verständlich.

Peter · 3. Mai 2007 um 00:01

Hallo Peter,

geplagt vom Jetlag und des schlechten Gewissens, euch eine Mail schuldig zu sein, lese ich mal wieder in Deinem Blog (später schaue ich auch noch bei Kathinka vorbei).
Wahnsinn wie die Zeit verfliegt – 3 Jahre ist es nun her, wo uns diese Schreckensbotschaft erreichte. Meine Hochachtung hast Du sicher und auch wenn es wenig tröstlich ist: Es gibt immer andere, denen geht es noch viel schlechter. Das hat mir persönlich immer weiter geholfen und ich drücke Dir die Daumen, daß es – wenn auch vielleicht nicht sofort – mal wieder aufwärts geht.

Grüße aus Ludwigshafen,

Peter

Hartmut'Hardy'Schiszler · 12. Mai 2007 um 22:04

Gerade erst gelesen:
Sei versichert, dass ich an meinem vierten Geburtstag, an dich gedacht habe.
Nun bei mir isses nicht ganz so wild, die Knieprothese werde ich dank der Massei-Barfoot-Technologie rauszögern können. Nichtsdestotrotz habe ich mir im Februar ne Maus aus dem Knie rausholen lassen.
Aber im Vergleich zu Dir, jehts mir noch jold…

Augen zu und durch!

Hardy

Ed Nockenfell · 29. Mai 2007 um 22:52

Lieber Peter,
wenn ich das lese, wird mir wieder bewusst, wie dankbar ich dem Herrgott und meinen Schutzengeln fuer meine bisher einigermassen unversehrte Gesundheit sein darf.
Aber trotz allem wuerde ich mir das mit dem Verkauf der Keyboards nochmal gruendlich ueberlegen: Denn Musik machen kannst du noch, wenn Motorraeder laengst verboten und durch spacige Antigravitationsflitzer ersetzt sind. Mit einem nicht einsatzfaehigen kleinen Finger ist es sicher nicht moeglich, Chopin, Liszt oder Rachmaninov zu spielen, aber mir schien als fuehrest du durchaus auf Rock’n’Rollige Musik mit HonkyTonk Pianos ab – und da koenntest du in der linken Hand durchaus ohne den Fuenften klarkommen, fuer die Begleitungen brauchst du ja hauptsaechlich Quinten, Sexten und Oktaven. Hoer dir die Pianisten von Lynyrd Skynyrd, Molly Hatchet, Black Crowes, Stones oder Jimmy Barnes an: die spielen gaensehautmaessig geil, und brauchen dazu keine virtuosen Basslines (dazu haben sie Bassisten, von denen sie angeranzt werden wenn sie links zu viel spielen). Oder Jon Lord, heiliger Patron der Rockorganisten, Herr der agressiv fauchenden Kreissaegen-Hammond, Erfinder von Sounds die das Universum kruemmen: Auch der ist kein Arrau oder Horowitz, was die Virtuositaet seiner linken Hand betrifft. Was spielt er wohl mit der linken Hand bei „Child in Time“?
Also ich bete darum dass mir so ein Schicksal erspart bleibt – aber wenn es mich denn traefe, waere vermutlich Musik das aller aller aller letzte was ich aufzugeben bereit waere.

Keep groovin, ya’re such a nice man…

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