„Was ist das?“
„Das ist ein fröhliches Lied…“

Fröhliche Lieder, traurige Lieder, kämpferische Lieder, viele alte bekannte Lieder – alles dran und alles drin beim Ruhrpott Rodeo 2026. Vor allem aber Staub und Dreck, was sowohl für den Ruhrpott und erst recht für ein Rodeo logisch ist…

Das Vorspiel 🎪

Im Januar hatte Silke mich angespitzt, doch mal über eine Runde Campen für vier Tage mit 12.000 Punks und Musik bis zum Abwinken mitten im Pott nachzudenken, was ich dann auch für ein paar Minuten gemacht habe. Dann habe mich mir ein Ticket incl. Camping geschossen.

Das vollbeladene Auto auf dem Weg zum Ruhrpott Rodeo 2026

Und mich wieder mit dem Thema Campen befasst. Und nach dem ‚Trainingscamp‘ war mir auch klar, dass ich das Auto gerne bei mir hätte. Der Kona bietet entscheidende Vorteile auf dem Zeltplatz – über den Utility-Mode ist er jederzeit als Stromlieferant für die Kühlbox, zum Aufladen von Powerbanks oder als klimatisierte Zone bei zu großer Hitze einsetzbar.
Entsprechend habe ich mir dann ein paar Monate später noch über Kleinanzeigen ein Ticket incl. Caravaning geschossen und das Campingticket blieb glücklicherweise auch in der ‚Familie‘. Mit Vorräten für ein halbes Jahr und viel zu viel Kram in einem bis zur Dachkante beladenen Karren ging es dann am Donnerstag morgen los.

Anreise 🚗

Von Darmstadt nach Gelsenkirchen mit einem Ladestopp unterwegs ging die Reise am Donnerstag. Silke kommt von da und in Ueckendorf (nochmal Laden vor dem Camp) trafen wir dann nach einer Besichtigung des russischen Supermarkts auf ihre Freundin und fuhren in Kolonne in die Schwarze Heide. Zügig das Ganze – bis zwei km vor dem Festivalgelände. Vorgewarnt durch Blogposts und die sozialen Medien rechneten wir mit dem Schlimmsten und so ähnlich war es dann auch. Die letzten 2 km dauerten nämlich knappe vier Stunden.

Der Caravanplatz des Ruhrpott Rodeo 2026

In der Liste der ‚hier muss die Orga dringend mal bei‘ steht das sicher auf Platz eins. Allerdings sehe ich auch nicht wirklich, wie sie das verbessern könnten, außer vielleicht durch separate Anfahrt für Camping und für Caravaning.
Naja, nicht mein Job und wir haben es ja dann auch geschafft.
Unsere Entscheidung, nicht auf den Caravan-Platz 1 zu fahren, war sicher eine der Besten in der ganzen Zeit – wir bekamen nicht nur einen guten Platz zusammen auf Caravan 2, sondern auch sehr nette Nachbarn. Nachteil: ein paar Meter zu den besseren Sanitäranlagen waren es dann doch, auf unserem Platz gab es nur Dixiklos und die waren nach der ersten Nacht eine Zumutung sondergleichen. Menschen sind echt eklig.

Warming up 🍟

Nach dem Aufbau von beiden Zelten und dem Pavillon fuhr die Freundin wieder nach Hause, Schlafdefizite lassen sich auf einem Festivalgelände nur unzureichend aufholen, das wollte sie dann lieber zuhause machen.

Sanitäranlagen auf dem Ruhrpott Rodeo 2026

Wir machten uns mal low-key mit der location vertraut, hörten den Bands auf der kleinen Impro-Bühne vor dem Kassenbereich zu und versorgten uns am Pommesstand. Anwesende Bauingenieure informierten uns über die Kulturlosigkeit von Darmstadt und wir amüsierten uns prächtig.
Die Nacht wurde leider zum Gegenteil der Überschrift – Alter, wird das kalt auf dem freien Feld. Wir froren uns durch die Nacht und schliefen eher wenig, die Musik bis in die frühen Morgenstunden tat ihr Übriges. Auf anderen Festivals gehen die Ordner rum und sorgen für Ruhe. Sowat gibbet auf den Rodeo abba nich.
Morgens dann der gute lösliche Kaffee (die Bio-Variante vom Rewe ist erstaunlich schmackhaft), ein Brötchen und Bananen (irnkwie hatte jede*r von uns ein paar Büschel Bananen mitgebracht), dann geht es erstmals auf das Infield.
Das besteht aus drei Teilen, den Verkaufsständen, dem Foodcourt und den beiden Bühnen.

Stände 🏪

Die Verkaufsstände beim Ruhrpott Rodeo 2026

Merch, Antifakrams, St. Pauli, Fahnen, Buttons, Aufnäher, Shirts – von Kein Bock auf Nazis bis zum Ruhrpott Rodeo Merch findet alles Linke, Antifa, Punk und Queer genau, was sich eins nur vorstellen kann. Viele schöne Sachen finden auch den Weg in unsere Taschen und Beutel, ich sage auch nicht, was ich selbst ausgegeben habe – allein an Mitbringseln gingen mehr als 100 Euro über die jeweiligen Tresen.

Verpflegung 🍕

Zuerst mal das Essen, davon gibt es reichlich. Pizza, Döner, Langos, Pommes, Currywurst und und und. Reichlich vegane Optionen, Asia-Nudeln mit und ohne Fleisch, Soft-Eis und so weiter. Preise sind gerade noch okay für die Portionsgrößen.
Klar, dass das nicht billig sein kann und ich persönlich fand das Preis/Leistungsverhältnis im Rahmen eines Festivals ganz gut. Anders sieht es aus bei den Getränken.
Bier 0,3l, auch alkoholfrei, kostet eine Getränkemarke im Wert von 4,30 €. Diese Marken kriegt man an wenigen Kassen und die Schlangen sind abartig. Wir decken uns einmal zu Beginn ein und kommen damit zum Glück durch das ganze Geschehen, aber das Konzept ist bekloppt. Noch bekloppter ist, dass das in Einweg-Plastikbechern ausgeschenkt wird, die überall rumfliegen. Es ist 2026 und wir sollten weiter sein.
Dazu passt auch, dass trotz Staubsturm und Hitze keine Wasserflaschen >0,5l auf das Gelände dürfen.
Ich komme mit einem spitzen Regenschirm ohne Probleme am einzigen Regentag rein, aber Wasser bei 30° C geht nicht? Puh.
Naja, am Ende mache ich nochmal eine Pro- und Contra-Liste und da schimpfe ich dann noch weiter über dieses Thema.

Bühnen und Bands 🎶

Es ist schier unmöglich, allen und allem in so einer Nachbetrachtung gerecht zu werden und ich will mich nur auf ein paar Bands konzentrieren, die mich entweder überrascht oder einmal mehr überzeugt haben.
Zum Einstieg ein paar Worte über das Bühnen- und Auftrittskonzept. Zwei nahezu gleichberechtige Stages, ungefähr im 130°-Winkel zueinander. Immer, wenn eine Band fertig ist, geht es genau dann auf der anderen Bühne los und auf der ersten wird umgebaut. Die Taktung ist rund eine Stunde immer, das tut weh bei Bands mit umfangreichem Programm und erscheint lange bei solchen, die einem egal sind, aber es wird eisern durchgehalten und so gibt es eine unglaubliche Zuverlässigkeit. Bis zum Headliner am Samstag um 23:50h gab es nur wenige Minuten Verspätung, das ist schon sehr fein. Vor den Bühnen sind einer bzw. zwei Wellenbrecher platziert, das schafft Ordnung und Sicherheit. An der Ecke habe ich genau nichts zu meckern, das ist alles prima und das ist letztendlich auch das Wichtigste bei einem Festival.

Da wir alle etwas älter sind, ist ein Komplettprogramm eh nicht möglich, bei der Hitze braucht es Pausen und der Samstag versprach eh krass zu werden.

Wir haben den Auftakt mit Rodeo 5000 mitgemacht, sehr lustig, bis die Texte Stammtischniveau erreichten – komplett unnötig, denn gerade als Anheizer taugt die Band wirklich. Aber Misogynie ist halt nicht lustig. Von daher – ja, ging so.
Als nächstes haben wir den Rest von Los Fastidios mitbekommen, die waren sehr okay, mein erwarteter Main act an dem Tag waren aber The Dickies. Und die hatten es in sich. Die ‚wahrscheinlich schnellste Band der Welt‘ und ihr Frontman Leonard Graves Phillips ballern sich durch alle Hits, Nights in white satin, Waterslide, You drive me ape und vor allem Paranoid. Leo’s schneidende Stimme hat nichts verloren, die Show ist ulkig und wir sind völlig begeistert.
Das ist eine wichtige Kerbe auf meinem ‚Been there‘-Holz. Auch der freundliche Lederkerl am Merch-Stand macht viel Spaß („Leo cannot come, he went back to the hotel, where he spends 23 hours each day in his coffin“).
Napalm Death am Abend steht auf unserem Zettel und das wird DIE Überraschung des ganzen Festivals. Unfassbar großartig, obwohl ich so gar nicht auf Noise stehe ansonsten. Barney Greenway und seine Ansagen in ausgezeichnetem Deutsch sind super-sympathisch, „AFD ist Scheiße“ wird immer gerne gehört und sowohl Sound, wie auch Lights sind bestens.

Überhaupt: Der Sound während des ganzen Festivals ist schon einzigartig gut. Ohne Checks, einfach auf die Bühne und BÄM – das passte bei nahezu allen Bands, die wir sahen innerhalb weniger Minuten perfekt und mit einer sehr angemessenen Lautstärke.

Das Lumpenpack am Samstag mittag bringt gute Laune und den Beginn dieses Blogposts. Nach einem Verschnaufpäuschen geht es dann Schlag auf Schlag.
Main Stage: The Baboon Show – die hatte ich zuletzt 2019 gesehen, diesmal im großen Rahmen und nicht als Sardinenveranstaltung – in Hünxe ist doch mehr Platz als im Colos-Saal. Der Freund der Freundin ist mitgekommen, die Frauen nicht, was ein wenig schade ist, ein feminist icon wie Cecilia Boström sollte niemand verpassen. Das Programm macht aber auch sehr müde und Pausen sind nötig.
Wir Junx haben eine gute Zeit und die Musikerinnen sind einfach wieder großartig.


Ein Verschnaufspäuschen später kommt es dann zum absoluten Highlight. The Stranglers, deren Song Peaches das allererste Punk-Stück war, das ich je gehört hatte1, betreten die Bühne.
Zwar ist Jean-Jacques Burnel am Bass das einzige Gründungsmitglied, mein großes Idol Dave Greenfield war zuletzt an Covid verstorben, aber der Sound ist perfekt und der 74-jährige JJ Burnel ballert immer noch den Bass, dass es eine Pracht ist. Get a Grip on yourself, No more heroes, Peaches, Duchess – wie im Rausch. Wir tanzen innig zu Golden Brown, bei Always the sun laufen Tränen und selbst Skin Deep erreicht die Menge, in der ‚Jugend‘ jetzt auch nicht das hervorstechende Merkmal ist. Wir stehen ziemlich weit vorne, mitten im Geschehen, aber die hohen Bühnen sorgen dafür, dass eins überall gut sieht.
Nch den Stranglers wollten wir einklich zu den UK Subs auf der anderen Bühne, aber unsere Plätze sind so gut, dass wir die Stunde mit einem Drink verbringen, um den nächsten Knaller auch aus der Nähe mitzubekommen.
New Model Army mit einem überaus gut aufgelegten Justin Sullivan betreten nach der Tagessschau die Bühne und von Anfang an geht es richtig rund. Here comes the war als zweiter Song, das wollte ich schon immer mal live hören und es ist mega. 51st state of America knallt ordentlich. Winter, Angry Planet, Green and Grey – es sollte nicht aufhören, aber auch NMA kriegen keine Extrawurst und nach einer Stunde ist Schluss. What a wonderful way to go.
Lange Pause für uns, Essen, ausruhen. Swiss und die Anderen kriegen wir am Rand mit und den Abschluss mit den Dropkick Murphys geben wir uns bis zum vorletzten Song – wie immer großartig, nur anfangs ist der Sound grottig, das kriegen sie aber hin. Das Set haut mich nicht so weg, ich hab sie ja auch erst im November gesehen, trotzdem ist die Stimmung wunderschön.

Die Nacht ist kalt, kurz und laut und am Sonntag bin ich wie erwartet komplett im Arsch. Gibt aber auch wenig darüber zu schreiben und ich beende das hier daher.
Hope, you liked it.

Und zu den Punkten die gut, schlecht oder naja waren. Nicht vollständig, vielleicht ergänze ich auch hier und da noch was. Schaut halt mal wieder rein. Später.

Großartig:

  • Das Gelände, weitläufig, aber trotzdem alles in erträglicher Distanz
  • Das Bandkonzept und die Pünktlichkeit
  • Die – insbesondere ‚linken‘ – Verkaufsstände
  • Die vier von der Campstelle – wir sind super klar gekommen und hatten eine tolle Zeit, vielen Dank an Euch. Ihr wart klasse und habt mich sehr nett aufgenommen ❤️

Geht gar nicht:

  • Bis zum Kragen vollgeschissene Dixiklos
  • Plastikbecher ohne Pfand
  • Essensgeschirr ohne Pfand
  • Müllkonzept fragwürdig, kein Mülltrennung möglich
  • Keine ‚Sperrstunde‘, ein paar Stunden garantierte Rue wären echt klasse

Wär schön, wenns besser wäre:

  • Gruselige Anfahrt und Verteilung auf die Caravan- und Parkplätze
  • Zuwenig Kassen für Getränkebons
  • Staub und Dreck (Klimawandel, macht das doch mal weg)

Show 1 footnote
  1. 1978, Disco für die Sprachaustauschler in Eastbourne. Reinhard und der Krey gingen ab wie sonstwas und ich konnte es noch nicht wirklich einordnen…

sparta

Antifascist. He/His. Get vaccinated. Wear a mask. Jede*r anders, alle Drama. Quality misunderstandings since 1963. Change is constant.

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