„Ich geb ihnen dann eine Überweisung für ’ne Darmspiegelung.“
Es gibt meiner Vermutung zufolge nur wenige Menschen, die aufgrund dieser Nachricht große Heiterkeit oder auch nur Gelassenheit verspüren. Aber in einem gewissen Alter wird die Koloskopie nicht nur von der Krankenkasse bezahlt, sondern macht obendrein jede Menge Sinn.
Ich kenn die Story nämlich von der unangenehmen Seite her, ohne Früherkennung.
1990 oder 91 erzählte mir mein Vater davon, dass er jetzt eine Darmspiegelung hätte und wie nervig die Abführerei sei – damals musste man noch literweise unangenehme Flüssigkeiten trinken1 – und dass er schon Schiss hätte. Er war gerade 60 geworden und warum er Schiss hatte (und nichts davon erzählte), war die Tatsache, dass er schon seit Jahren (und zwar seit knapp zehn, wenn ich das richtig rekapituliere) im wahrsten Sinne des Wortes am Blut scheißen war.2
Zum einen hat er das wohl auf Hämorrhoiden geschoben, was sicher nur eine unzureichende Beruhigung war und ansonsten vor Angst und Scham verdrängt, wo es nur ging. Das war leider ziemlich typisch für einige Aspekte seines Lebens und die permanenten Krankheitsgeschichten seit seinen Vierzigern sprechen auch davon. Und ein Generationending ist es obendrein, Angst an sich war ja so abwertend belegt und Scham stand an jeder Ecke rum…
In diesem Fall kam es wie es kommen musste, es wurde ein großes Rektumkarzinom diagnostiziert, dessen Entfernung in einer fünfstündigen OP folgte. Bei dieser OP wäre er schon beinahe auf dem Tisch geblieben, weil die Blutung sich kaum stoppen ließ, außerdem bekam er einen künstlichen Darmausgang und all das war erst der Anfang einer gruseligen Leidensgeschichte. Denn natürlich hatte das Ding schon 3 gestreut und nach einigen weiteren OPs und Maßnahmen, die sein zu diesem Zeitpunkt ohnehin unerfreuliches Leben noch scheußlicher gestalteten, starb er nur drei Jahre später und das war eine Erlösung…
Verdrängen und wegschieben kann ich allerdings auch ganz gut 4 und bin an der Stelle zum Teil Kind meines Vaters, weswegen ich seit Jahren die Vorsorge verprokrastiniert habe. Dazu kommt, dass ich mich schwer tue, einen Arzt aufzusuchen, den ich nicht über Empfehlung kenne oder der nicht um die Ecke von mir zuhause, also in so einer Art Sicherheitszone, ist.
Die mahnende Stimme in meinem Kopf war aber die ganze Zeit da und teilweise frage ich mich echt, wie ich das ausgehalten habe, denn in meinem Alter jetzt war mein Vater schon jenseits von allem, was sich ‚Früherkennung‘ hätte schimpfen können und somit noch eine Chance eröffnet hätte. Das Fass ‚genetische Prädisposition und (ganz besonders) Rektumkarzinome‘ mache ich erst gar nicht auf… Allerdings hatte und habe ich keinerlei Symptome der vorher beschriebenen Art.
Anyway…

intestines


Zum Glück hatte Jenny vor ein paar Wochen (auch aufgrund der Familienhistorie) eine Darmspiegelung und ich habe sie davor und dabei begleitet, sprich: im Wartezimmer während der Prozedur ausgeharrt und davor den Tag mit der Abführerei mit ihr verbracht.
Während ihrer Behandlung ergriff ich die Gelegenheit beim Schopf und machte direkt einen Termin für mich aus 5 und war dann selbst zwei Wochen später ‚dran‘.
Da ich an mir selbst und in Gesprächen mit Freunden gemerkt habe, wie belastet das Thema Darmkrebsvorsorge und die Darmspiegelung an sich ist, will ich im Detail aufschreiben, wie es für mich war und was mir aufgefallen ist und damit hoffentlich dem/der einen oder anderen die verständliche Angst ein wenig nehmen.
Es ist kein Spaziergang, aber auch kein Drama. Echt nicht.
Der Reihe nach:
Ich war sehr happy mit dieser Praxis in Kronberg. Das Anamnese-Gespräch hatte ich mit Dr. Jablonka-Wendling und die Untersuchung wurde dann durch Dr. Mork durchgeführt.
Das Gespräch habe ich als sehr professionell mit einem Augenzwinkern und angenehm empfunden, zur Untersuchung kommt später noch mehr.
‚Wollen sie eine Kurznarkose? Ich rate ihnen dazu, ist einfach angenehmer‘
Da widerspreche ich nicht, meine Schmerztoleranz ist zwar recht hoch, wenn ich mich an meinen Unfall erinnere, aber muss ja nicht sein6.
Dann kriegt eins ein Tütchen mit dem Abführmittel und Hinweisen, was zu beachten ist in der Zeit vor und nach der Untersuchung.
Grobe Planung braucht eins zumindest für die fünf Tage vor dem Eingriff und direkt danach. Wegen des Nahrungsregimes zum einen und ihr braucht eine Begleitperson, dazu unten noch was.
An meine direkten Freunde: Sagt Bescheid, wenn ihr sonst niemand habt, ja?
Zum Essen: Je nach persönlichem OCD-Geschehen kann/sollte eins sich einen Speiseplan machen, denn in der Zeit vor dem Eingriff müssen ein paar Sachen beachtet werden, richtig wichtig ist das vor allem in den letzten zwei Tagen:

Keine Kerne, Nüsse, blähende oder ballaststoffreiche Nahrung. Keine Kräuter – Salz geht natürlich. Zwei Tage vorher keine trüben und schon gar keine roten Flüssigkeiten. Nun ist Tomatensaft nicht meins, Rotwein kann ersetzt werden und an Trübem trinke ich sonst nur Orangensaft und Hefeweizen. Anyway, zwei Tage vorher keinen Alkohol mehr ist auch besser.

Da wir uns inzwischen eher vollwertig und ballaststoffreich ernähren, war das Essensregime für mich anfangs ein wenig schräg, aber nicht wirklich ein Problem.
Ich bin auf Toastbrot und mageren Aufschnitt – Hähnchenbrustfilet – und Ziegenfrischkäse zum Frühstück und Abendessen umgestiegen.. Tee ansonsten, stilles Wasser in Mengen und einen Riesentopf Gemüsesuppe mit Nudeln.
Verwendetes Gemüse: Zucchini, Karotten, Pastinaken und Kürbis sind gut, Nudeln auch kein Problem und Kartoffeln als Brei, Salzkartoffeln und so weiter. Eher keine Pommes, weil Fettgasm.
Ist aber auch im detail noch auf dem Untersuchungsbegleittext abgebildet und es finden sich jede Menge Hinweise in this here Internetz.

Mein Riesentopf Gemüsesuppe und die Toastbrote haben mich problemlos durch die Tage zuvor gebracht, ärgerlicher waren keine Chips oder Erdnüsse abends, da habe ich mir mit Crackern beholfen.

Der Tag davor macht am meisten zu schaffen. Das hängt auch davon ab, wie gut man das jeweilige Abführmittel verträgt. Ich bekam Phospho-Soda von Fleet, das sind zwei Einheiten à 120 ml, die ich um zwei Uhr mittags und um halb sieben abends nahm. Das Zeug wird in gleicher Menge Wasser gelöst, schmeckt ein wenig salzig, aber ist nicht dramatisch unangenehm.

Davor und danach empfiehlt es sich, so viel Wasser und Tee wie möglich zu trinken, weil das zum einen das Hungergefühl dämpft, aber zum anderen vor allem hilft, den Darm zu spülen und more is better than less.

Zum Abführen:
Ja, eins muss alle naslang aufs Klo.
Ja, nach ein paarmal wird einem das Arschloch unter Umständen wund.
Ja, es zeigt sich, dass der Anus nicht zum permanenten Ausscheiden von Flüssigkeit gebaut ist, weil das Wasser nämlich überall runterläuft und sich an jedem Fältchen in der Richtung abbringen lässt.

Wenn ihr eins habt, werdet ihr euer Bidet lieben.
Ich hatte keins, empfehle aber, den Hintern mit warmem Wasser zu spülen und sich hinterher auf ein Handtuch zu setzen.
Nicht mit Klopapier abreiben, feuchtes Klopapier geht schon besser, die obige Methode ist aber der Königsweg IMHO.

Manchen wird bei der Abführerei übel, bei mir war genau nix. Ich habe ab dem Nachmittag des Abführtags eigentlich nur noch im Bett gelegen, gelesen und Musik gehört. Alles sein Gang gehen lassen. Gut geschlafen habe ich in der Nacht zuvor nicht, aber da ist mein Hirn eher verantwortlich als mein Verdauungsapparat.
Außer einem nicht zu verleugnenden Appetit hatte ich aber keinerlei Probleme. In einem Hinweisblättchen habe ich gelesen, man solle sich in der Nacht für plötzlich abgehenden Stuhlgang präparieren (Windel o.ä.) – halte ich persönlich für Quatsch. Bin einmal aufgewacht mit deutlicher Meldung, dass ich mal aufs Klo gehen sollte, das war es aber auch.

Am Morgen war ich dann ein wenig durch den Wind, der Kreislauf ist bei mir morgens eher mal schwergängig und mein niedriger Blutdruck hat sich durch das Fasten und Abführen auch nicht direkt zum Positiven verändert. Aber deswegen hat man bei der Prozedur auch eine Begleitperson dabei (Ohne lassen sie einen auch hinterher nicht weg!), als Stütze und Aufpassdings.
Wir sind dann um kurz nach acht zur Praxis gefahren und nach wenigen Minuten Warten kam ich dran. Ausziehen, hinlegen, Braunüle legen 7. Die Helferin war super und hat mich mit sehr freundlichem Geplauder gut abgelenkt, dann bekam ich meine erste Dosis Propofol und es ging los.
Gedacht ist, dass man von der Geschichte kaum was mitbekommt, weil Propofol. Das ist bei mir ein wenig anders, ich habe ALLES mitbekommen, weswegen ich auch noch mindestens einen weiteren Schuss von dem Zeug bekam8
Das, was ich mitbekam, war nicht wirklich schmerzhaft, nur unangenehm, wenn der Darm in Position gedrückt wird,
Irgendwann war ich dann tatsächlich weitgehend ‚weg‘ und kam erst zu mir, als ich schon wieder angezogen vor dem Fenster mit schönem Blick auf den Taunus, einer Tasse Tee und ein paar Keksen saß.
„Herr Wenz bleibt noch ein Weilchen sitzen, er hat 150mg Propofol bekommen“ Das Zeug kann was, in der Dosierung, die ich offensichtlich brauche.
Zu diesem Zeitpunkt und auch zu keinem später habe ich noch irgendwas von der Untersuchung gespürt und abgesehen von ‚whoozy‘ war ich ziemlich fit.
Als dann noch der untersuchende Arzt mir mitteilte, dass ich 100%ig okay bin, keine Tumore, keine Polypen, keine Entzündung – kerngesunder Darm also, war der Tag endgültig wunderschön.
Erleichterung.
Und Zufriedenheit, dass ich das endlich durchgezogen habe.
Und in Zukunft regelmäßig machen lassen werde. Before it gets a pain in the ass…

Und ihr solltet das auch tun, bei Prädisposition und nach Absprache mit dem Arzt eures Vertrauens so früh wie möglich und ansonsten spätestens zum Termin, der empfohlen wird.

Yay for science and health.


(Bild von Elionas2 auf Pixabay)




  1. Das ist heutzutage echt easy
  2. Das hat mir dann meine Mutter ein ganzes Eck später erzählt
  3. Überall hin: Leber, Knochen, Gehirn
  4. Experienced in procrastination, let’s talk about that later…
  5. mit Anlauf ins kalte Wasser ist eine gute Methode für mich
  6. Das Mittel der Wahl ist in der Regel Propofol. Genau, das Zeug, dass in einer Überdosis Michael Jacksons Leben beendet hat…
    Kein Zusammenhang, ich weiß es bloß und ihr jetzt auch ‚trollface.jpg‘
  7. das ist einer der schlimmsten Momente für mich, ich bin kein echter Spritzenphobiker, aber ich hasse Nadeln
  8. Zum Vergleich: Jenny war mit 30 mg Propofol weitgehend ausgeknockt, ich hatte 150 mg! Und 5mal so viel wie Jenny wiege ich dann doch nicht…

sparta

Jede*r anders, alle Drama.

0 Kommentare

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.