Warum ich bei den Jungen Piraten kein Mitglied mehr bin

Gestern habe ich meine Fördermitgliedschaft bei den Jungen Piraten gekündigt.
Hier will ich erläutern, was mich dazu bewogen hat.

Am 6.4. veröffentlichten die Jungen Piraten einen offenen Brief, in dem sie rassistisch und sexistisch diskriminierende Äußerungen in der Piratenpartei kritisierten.

Inhaltlich völlig in Ordnung und mit teilweise krassen Beispielen belegt, sprechen die JuPis ein wichtiges und sensibles Thema an, womit sie einmal mehr beweisen, dass sie ein wichtiger Einflussfaktor für die Partei sind und hoffentlich auch zukünftig sein werden.
Leider wurde versäumt, darauf hinzuweisen, dass es sich mitnichten um ein isoliertes Phänomen innerhalb der Piratenpartei handelt, sondern ein gesellschaftliches Problem darstellt, das sich – meiner Ansicht nach zurecht – einem gesetzlichen Rahmen entzieht.

Diskriminierungsfreiheit ist zwar im Grundgesetz festgelegt, aber damit existiert sie zuerst mal nur zwischen Staat und Bürger. Durch Gesetze wie das AGG wurde der Wirkungsraum erweitert, es bleibt aber eine Festlegung auf ein Machtgefälle. Der Stärkere (Staat, Arbeitgeber) darf den Schwächeren (Bürger, Arbeitnehmer) nicht diskriminieren. Sprich, die Bürger untereinander dürfen das untereinander sehr wohl – was nicht heißt, dass es  wünschenswert wäre.

Aber weiter mit der Situation.
Völlig verständlich für mich, dass einige Parteimitglieder sich persönlich angegriffen fühlten, auch das PS. des offenen Briefes ändert wenig an der Zielrichtung des Briefes.
Es handelt sich nämlich nicht um ein lösungsorientiertes Gesprächsangebot, sondern um einen Frontalangriff.

Wenn man Menschen angreift, wehren diese sich erstmal und machen sich dann (immer noch zu selten) an eine detaillierte Analyse des Angriffs.
Die Abwehrreaktion war also vorhersehbar und da liegt der entscheidende Fehler beim Verfassen des Briefes – jeder Sender einer Nachricht ist gut beraten, sich Gedanken darum zu machen, wie die Nachricht beim Angesprochenen ankommt.

Das war aber offensichtlich nicht der Fall, wie sich aus einigen Äußerungen aus JuPi-Kreisen ablesen ließ. „Wenn der Brief sagt, dass Rassismus und Sexismus ein Problem der Piraten sind, dann sagt er damit nicht, dass es ein Problem insbesondere der Piraten ist.“ (Kommentar zu http://blog.janleutert.de/2012/04/gastbeitrag-zum-offenen-brief-der-jupis-von-stefan-supaheld-schimanowski/)

Doch, genau das sagt er, zumindest kommt genau das an.

Ich glaube gerne, dass das nicht die Intention der Schreiber war, aber es zählt nunmal, was verstanden wird, nicht, was verstanden werden soll. Für all das zeichnet weitgehend der Sender allein verantwortlich. (–> Paul Watzlawick, Friedemann Schulz von Thun et al)

Soweit, so normal – wie das eben immer läuft.
Normal auch, dass Verantwortungsträger, in diesem Fall @tirsales, nicht genau die vom Sender gewollten (Ant)Worte(n) finden und sich in der Diskussion mit mehreren verheddern (noch dazu auf Twitter, dem klassischen Medium für fortgeschrittene Missverständnisse. Nicht nur, dass die Kommunikation eindimensional ist und somit wesentliche Bestandteile wie Ton, Gestik, Körpersprache allgemein fehlen, hinzu kommt die erzwungene Kürze, die es nochmal im Schwierigkeitsgrad potenziert1).
Unschön, dass negative Äußerungen zum Zwecke weiterer Eskalation auf Mailinglisten ‚Guckt mal, was der Böses geschrieben hat‘ gestellt wurden2.
Dass @tirsales sich entschuldigen würde, war IMHO implizit klar und hätte abgewartet werden können. Aber im Eifer des Gefechts…
Unschön, dass die öffentliche Reaktion der PR-Abteilung in Abwiegelei bestand, da sollte mehr Cleverness im Umgang mit derartigen Anwürfen bestehen, schließlich werden alle naslang irgendwelche realen oder erfundenen Probleme der Piraten öffentlich verbreitet.
Unschön, dass darauf Bemerkungen im Tenor: ‚Ihr (Piratenpartei) hättet halt nicht so reagieren sollen, wie ihr das wolltet, sondern so, wie wir das wollten.‘, erfolgten.
Die Unsinnigkeit sollte klar sein.

Wir haben also erstens einen Kommunikations-Fail in Kettenform.

Und zweitens ein Thema, das aufgrund seines hohen moralischen Anteils zwar äußerst heikel ist – aber keineswegs neu.

Warum das Thema mit dieser Verve ausgerechnet zu einer Zeit, da mit Tanzverbot, BPT, Landtagswahl Schleswig-Holstein wirklich viel auf dem Zettel steht und die PP ohnehin in einer medialen Schlammschlacht rund um die Urheberrechtsthematik steckt, aufs Tapet gebracht werden muss, erschließt sich mir nicht.
Denn zum einen besteht die Chance, dass bei der Vielzahl der Themen das Anliegen nur unzureichende Würdigung erfährt, was schade wäre.
Zum anderen werden einige auch denken ‚von überall schießen sie auf uns, jetzt auch die JuPis, geht doch alle zum Teufel‘.

So bleibt der schale Beigeschmack des Aktionismus.

Bei manchen Äußerungen beschleicht mich das Gefühl, dass jetzt auf Teufel komm raus das Verhalten der Parteimitglieder ‚auf Linie‘ gebracht werden soll, sprich, jeder sich bei jeder Äußerung fragen wird, ob er ja nichts Diskriminierendes sagt.
Die daraus resultierende Unsicherheit und die Schere im Kopf sind aber nicht konstruktiv und Übereifer bei derartigen Themenstellungen führt dazu, viele zu verlieren, die sich angegriffen fühlen und sich dem Diskurs entziehen.
Auf der anderen Seite stehen die ‚das ist eh nur das Problem von ein paar Idioten‘, die in ihrer Selbstsicherheit den Diskurs vermeintlich nicht benötigen.

Derartige Gedanken hätte ich gerne in die Diskussion eingebracht, bevor mittels eines offenen Briefes Tatsachen geschaffen werden. Auch hätte ich gerne dazu beigetragen, dass der Tenor des Briefes weniger auf Angriff gepolt wird und deutlich die wohl gewünschte Komponente ‚Beteiligung‘ und ‚gemeinsames Vorgehen‘ enthält.
Allerdings lief die Erstellung des Briefes hochgradig intransparent und für mich bis heute nicht nachvollziehbar ab.

Wenn ich aber gerade bei so einem eminent wichtigen wie sensiblen Thema nicht einbezogen werde, sehe ich mich innerhalb der Organisation als überflüssig an und habe daher meine Mitgliedschaft gekündigt.

Wohlgemerkt, nachdem ich meinen Jahresbeitrag überwiesen habe (Funfact: Ohne nach den Gründen für meinen Austritt befragt worden zu sein, wurde ich von ‚Parteifreunden‘ als ‚Kackarsch‘ bezeichnet, hey, immerhin nicht diskriminierend m(. Das von den JuPis angesprochene Problem mit der Überidentifikation kommt da auch zum Tragen – so einige ‚wenn du nicht mehr Mitglied bist, bist du ein $Beleidigung‘-Aussagen zeigen das deutlich – faszinierenderweise kamen derartige Anwürfe ausschließlich von Piraten, nicht von JuPis).

Mitgliedschaft in einer Organisation bezieht sich für mich jedenfalls nicht aufs Finanzielle, auch zukünftig werde ich gerne und sicher oft für die Arbeit der JuPis einen freiwilligen Obulus entrichten.

Vielen Dank an @pyth2_0, @dirkmueller, @kathinkaw, @herrurbach und @streitsucht für Lektorat und Vorab-Feedback.


Show 2 footnotes

  1. Von Goethe soll das Zitat stammen: ‚Ich schreibe dir einen langen Brief, für einen kurzen fehlt mir die Zeit.‘
  2. ‚auf ihn mit Gebrüll‘ steht in flammendroten Lettern zwischen den Zeilen

12 Antworten

  1. Cyber sagt:

    Schade, wenn auch nachvollziehbar.
    Ich teile nicht alle, aber doch einige Kritik die du in deiner Erklärung formuliert hast, auch wenn meine Konsequenzen andere sind als die die du leider ziehst.

  2. Senficon sagt:

    Du hast in vielen Punkten Recht. Der Brief bezieht sich gezielt auf die Probleme, nicht auf die Dinge, die bereits gut laufen oder sich verbessert haben – vermutlich, um nicht den Eindruck zu erwecken, dass man einfach alles so weiterlaufen kann wie bisher und sich das Problem dadurch von selbst lösen wird. Man kann vermutlich wirklich nicht erwarten, dass Piraten über ihre Identifikation mit der Partei plötzlich völlig hinwegsehen und sich durch den Brief nicht in die Ecke gedrängt sehen.

    Es tut mir leid, dass ich selbst meinen Ärger über tirsales‘ Äußerung auf die Mailingliste getragen habe. Das ist, genau wie seine Äußerung, im Affekt entstanden, für mich war in dieser Situation aber nicht ersichtlich, dass er sich später dafür entschuldigt. Dafür sind Anschuldigungen dieser Art, dass es Mitgliedern der Piraten bei Aktion X nicht um die Sache, sondern um Medienaufmerksamkeit/Listenplätze/Geld/Macht/Ruhm geht, inzwischen von allen Seiten viel zu häufig und ich glaube, sie sind fast immer falsch (ausgenommen vielleicht die Fälle, wo eine Person explizit sagt, dass ihr ein Thema wegen etwa der Presse gerade nicht passt). Wenn wir das nicht in den Griff bekommen und bei uns selbst solche Gedanken kritisch überprüfen, haben wir wirklich ein Problem. Die ganz überwiegende Mehrheit von uns engagiert sich bei den Piraten, weil sie glaubt, etwas zum Besseren verändern zu können – das traue ich sowohl den Unterstützer/innen als auch den Kritiker/innen des Briefs zu. Dennoch, das entschuldigt nicht die Eskalation auf der Mailingliste, ich hätte auch einfach meine persönlichen Schlüsse aus dem Kommentar und den Reaktionen der anderen Vorstandsmitglieder ziehen können.

    Das Verständnis, was du hier für die Reaktionen auf den Brief aufbringst, möchte ich dich aber bitten, auch den Autor/innen des Briefs entgegenzubringen. Immerhin handelt es sich hier um Leute, die sich aufgrund des Umgangs mit Sexismus und Rassismus in der Piratenpartei nicht mehr wohl fühlen. Das müssen wir sehr ernst nehmen – und dazu gehört in meinen Augen auch, sie nicht für ihre Beschwerde zu stigmatisieren oder sie für Forderungen (Kontrolle aller Mitglieder etc.) verantwortlich zu machen, die sie nicht gestellt haben. Wenn sich jemand ausgegrenzt fühlt und den Mut hat, das öffentlich zu machen, dann hört man am besten erstmal zu.

    Und es ist auch nicht so, dass der Brief nur negative Folgen hatte – Gespräche zwischen Betroffenen, SG Presse und BuVo sind im Entstehen, die zwar sicher auch ohne Offenen Brief möglich gewesen wären, aber unter den Umständen ist leider niemand auf die Idee gekommen. Das ist ärgerlich, aber man sieht, es findet ein Lernprozess auf allen Seiten statt.

    Wenn man sich die vielen Kommentare unter offenem Brief und PM ansieht, die die Piraten für ihre Political Incorrectness loben, linke Parteien, Feminismus und Antifaschismus pauschal aburteilen, Meinungsfreiheit als Immunität von Kritik begreifen und ernsthaft Thesen vertreten wie dass die Ausländer (!) unsere Städte übernehmen, der Islam unsere Religionsfreiheit bedroht und Frauen ja inzwischen eigentlich die Männer bedrohen, sieht man, dass es nicht reicht, so weiterzumachen wie bisher. Auch beim Auftreten der Piraten müssen wir beachten, wie unsere Botschaften ankommen. Anscheinend kommen sie bei vielen Menschen so an, dass derartige Ansichten bei uns willkommen sind. Vor diesem Hintergrund erschrecken einen dann auch die 13%. Wir müssen darüber reden, wie wir ohne Kontrolle und ohne jeden gleich rauszuschmeißen (zumal kaum jemand völlig frei von Rassismus und Sexismus ist) deutlich machen können, dass wir solche Äußerungen bei uns nicht haben wollen. Und da ist „10% sind immer so, das kann man nicht ändern“ die denkbar schlechteste Lösung und lässt jede Empathie für die Opfer vermissen.

    Aber vielleicht sorgen die kommenden Gespräche da ja für mehr Verständnis. Böse gemeint haben die Verfasser/innen der PM es sicher nicht, aber unsensibel ist es trotzdem.

  3. Helmut Wicht sagt:

    Das imho Wichtigste/Verstörenste/Problematischste steht in der Mitte Deines Briefes:
    „Wir haben also … einen Kommunikations-Fail in Kettenform.“

    Das kennen wir ja noch aus den alten Zeiten in drm, oder? Der vergessene Ironieindikator, die Missverständlichkeit, das Missverstehenwollen – all dem öffnen die Medien, über die die Piraten Transparenz herstellen wollen, Tür und Tor. Was für Twitter, Facebook und ähnliche (Social-)Medien gilt, nämlich:
    „Das Signal ist die Botschaft“ [das ist, btw., SEHR böse]
    das mag als „social interaction“ noch durchgehen („guckuck, mich gibt’s noch!“), als Organisations-/Kimmunikationsform einer politischen Willensbildung/Transparenzerzeugung könnte das auf die Dauer tödlich sein.
    Stammtischt mehr und twittert weniger!
    Grüße
    Helmut
     

  4. Du hast mit deinen vorgetragenen Kritikpunkten, gerade der schwer bis  gar nicht nachvollziehbaren Erarbeitung des Briefes, absolut recht.
    Ich  war davon (als Vorsitzender) ähnlich betroffen. Geschmeckt hat es  mir auch nicht, als ich Freitag auf Twitter plötzlich von einem Offenen Brief der Jupis las,
    von dem ich bis dato nichts wusste. (Erstmal unabhängig vom Unhalt, der teilweise leider in der Reaktion nur noch ein ‚q.e.d‘ hinterlässt.)
     
    Ich kann deine Beweggründe also vollkommen nachvollziehen, dennoch bedauere ich es.
     
    Grüße aus Freiburg,
    Florian / branleb
     

  5. Cassandra sagt:

    Hmm… mich läßt dieser Artikel etwas ratlos zurück.
    Und nach einigen Nachdenken kreist das bei mir hauptsächliche um diese Aussage:
    „Wenn ich aber gerade bei so einem eminent wichtigen wie sensiblen Thema nicht einbezogen werde, sehe ich mich innerhalb der Organisation als überflüssig an und habe daher meine Mitgliedschaft gekündigt.“
    Hast Du das denn vorher mit den JuPis besprochen? Hast Du Lösungen angebracht und dich um eine Beseitigung des Konfliktes bemüht? Gab‘ es eine ausführliche Diskussion mit anderen JuPis bei denen ihr eure Standpunkte erläutert habt? Hast Du mit Senficon vorher Kontakt aufgenommen um Missverständnisse zu vermeiden?
    Momentan sehe ich nämlich nicht wie deine Aktion besser (in kommunikativer Hinsicht) gestaltet ist, als der Brandbrief der JuPis.
    Du stellst Leute vor vollendete Tatsachen (nämliche deine Meinung) und gibst deine Kritik an einer Aktion ab. Was ich für vollkommen richtig halte und was eben auch für die Jupis gilt.
    Oder um den vorher zitierten Abschnitt mal auf die Situation der Jupis anzuwenden:
    „Wenn wir aber gerade bei so einem eminent wichtigen wie sensiblen Thema feststellen, das dieses innerhalb der Partei längere Zeit vernachlässigt und relativiert wird, dann sehen wir uns gezwungen diesen Brandbreif zu schreiben.“

  6. Matthias E. Kryn sagt:

    Hmjanein. Wäre _jetzt_ nicht der Zeitpunkt, Deine usenetgestählte und meiner völlig unmaßgeblichen Meinung nach erwiesenermaßen hohe Medien- und Kommunikationskompetenz einzubringen, obwohl $SIE Dich nicht in die Kommunikation einbezogen haben? Bei Dir stehen immerhin 25 Jahre Medien- und Lebenserfahrung zur Verfügung, die die heißblütige Jugend schnöde übergangen hat — doch ich denke, dass daraus ein großer Lerneffekt erwachsen könnte. Könnte, wenn Du sie ließest.
    Grüße, Matthias

    • sparta sagt:

      Ich räum mal das Sarkasmusschälchen wieder weg, ist ja auch nicht soviel rausgetropft ;-)

      Eine Verweigerung von meiner Seite gibt es nicht. Der Kontakt wird nach wie vor gepflegt und alles weitere wird sich weisen. Ich bin da durchaus entspannt.

  7. Laura Schmalenbach sagt:

    Da ich wesentlich an dem Brief mitgearbeitet habe, möchte ich gerne hierauf antworten.
    Deine erste Kritik bezieht sich darauf, dass nicht deutlich gemacht wird, dass es sich nicht um ein piratenspezifisches Problem handelt. Ehrlich gesagt war für mich/uns so selbstverständlich, dass Diskriminierung ein gesellschaftliches Problem ist und nicht losgelöst von der Gesellschaft in einzelnen Gruppen existiert, dass wir nicht in Erwägung gezogen haben, das extra zu erwähnen. Die Kritik bezog sich auch nicht hauptsächlich auf das Vorkommen von Diskriminierung, sondern vor allem auf den Umgang innerhalb der Partei damit — denn da müssen wir natürlich in der Partei ansetzen, auch wenn das Problem ein gesamtgesellschaftliche ist.
    Dass der Brief kein Gesprächsangebot, sondern eine Konfrontation war, stimmt natürlich. Auch, dass Abwehrreaktionen bei so etwas vorhersehbar sind. Dass “ jeder Sender einer Nachricht […] gut beraten [ist], sich Gedanken darum zu machen, wie die Nachricht beim Angesprochenen ankommt“ erinnert mich in dem Fall aber etwas an das häufig vorgebrachte „wenn du dich diskriminert fühlst, erkläre das immer lieb und nett, schließlich willst du etwas von deinem Gegenüber“. Es kann aber nicht sein, dass von Diskriminierung Betroffene das immer freundlich und verständnisvoll erklären sollen. Zum einen darf bei Betroffenen keine Bringschuld liegen, zum anderen finde ich es auch nicht förderlich: auch das räumt Diskriminierung wieder eine gewisse Legitimität ein. 
    Natürlich geht es hier nicht darum, dass ein/e Betroffene/r direkt auf eine diskriminierende Aussage antwortet, sondern dass eine Gruppe von Betroffenen und Unterstützern den Umgang mit Diskriminierung kritisiert. Trotzdem finde ich den Tonfall dabei gerechtfertigt. Wir müssen dringend einen Weg finden, mit Diskriminierung umzugehen. Ich bin häufig wirklich bestürzt darüber, in welcher Form das Thema bisher oft diskutiert wird.  Ein nettes, offenes Gesprächsangebot hätte für mich zu viel „könnte“ und „sollte“ und „vielleicht“. Ein „das geht so nicht“ in klaren Worten finde ich dem Fall angebracht.

    Bei tirsales‘ Reaktion hat sich mMn ein Missverständnis gezeigt, das möglicherweise bei einigen entstanden ist, nämlich dass der Brief sich an den Bundesvorstand/Vorstände richten würde. Empfänger ist aber einfach „die Piratenpartei“ als Ganzes, vor allem die Basis.
    Das „Timing“ des Briefes wurde schon häufiger kritisiert (allerdings eher mit Blick auf die anstehenden Landtagswahlen). Wie du sagst, ist das Thema natürlich nicht neu: es beschäftigt sowohl Piraten als auch JuPis schon eine Weile. Warum gerade jetzt der Entschluss kam, etwas zu tun, weiß ich auch nicht genau. Aber wir werden immer viele Baustellen gleichzeitig haben und das Thema ist zu grundlegend und wichtig, um auf einen besonders günstigen Zeitpunkt zu warten. Wir haben da wirklich dringenden Klärungsbedarf. 
    Es geht nicht darum, das Verhalten der Parteimitglieder „auf Linie“ zu bringen,  sondern auszuloten wie verbreitet Diskriminierung bei uns tatsächlich ist und was wir tun können, um ihr eine klare Absage zu erteilen. Es geht dabei nicht unbedingt um Sanktionen „von oben“ (das dann in extremen Fällen), sondern darum, dass wir selbst herausfinden, wo wir als Partei bei dem Thema stehen und wie wir als Basis damit umgehen. Dabei geht es auch darum zu verstehen, wie Diskriminierung aussieht und funktioniert — dann muss auch niemand ständig überlegen, ob etwas, dass er/sie sagt, diskriminierend ist.
    Wenn wir das für uns klären, können wir auch wirklich hinter der Aussage stehen, dass Diskriminierung bei uns zwar nicht ganz auszuschließen, aber nicht typisch für die Piraten ist.

    Deinen Ärger über die Entstehung kann ich allerdings gut verstehen, und auch die Konsequenzen, die du daraus ziehst — auch wenn ich es schade finde. Ich hatte mit der Veröffentlichung selbst nichts zu tun, deswegen kann ich dazu nicht wirklich was sagen. Ich habe nur mitbekommen, dass es ein Pad dazu gab, an dem ich dann mitgearbeitet habe. Dass das so gelaufen ist, tut mir/uns leid.

    Liebe Grüße, Laura

    • sparta sagt:

      >Es kann aber nicht sein, dass von Diskriminierung Betroffene das immer
      >freundlich und verständnisvoll erklären sollen.

      Mal ganz plakativ: Weil nicht sein kann, was nicht sein darf?
      Selbstverständlich sind diskriminierende Äußerungen bereits die erste Konfrontation, aber bringt eine ebenso konfrontative Reaktion irgendeinen Gewinn (außer beschleunigter Eskalation)?

      >Zum einen darf bei Betroffenen keine Bringschuld liegen, zum anderen finde
      >ich es auch nicht förderlich: auch das räumt Diskriminierung wieder eine
      >gewisse Legitimität ein. 

      Wenn ich bei meinem Gegenüber etwas verändern will, wird mich „lieb und nett“ mit Sicherheit eher an mein Ziel bringen als Konfrontation.
      Auch werden die Ansichten meines Gegenübers durch mein lösungsorientiertes Verhalten nicht im Mindesten legitimiert, ganz im Gegenteil, mein eigener Standpunkt wird nur aufgewertet. Eskalation und die damit unweigerlich verbundenen Reibungsverluste werden minimiert und es besteht eine erheblich größere Chance auf eine positive Entwicklung.
      BTW: Das gilt für alle Konfliktsituationen, themenunabhängig.

      • Senficon sagt:

        > Selbstverständlich sind diskriminierende Äußerungen bereits die erste Konfrontation, aber bringt eine ebenso konfrontative Reaktion irgendeinen Gewinn (außer beschleunigter Eskalation)?
        Meine persönliche Erfahrung ist, dass eine freundliche, diplomatische Herangehensweise oft insofern missverstanden wird, dass kein Handlungsbedarf besteht, weil ich ja augenscheinlich noch in der Lage bin, ruhig zu erklären, dass ich mich diskriminiert fühle. Also sei ja alles bestens, ich kann mich anscheinend gut alleine wehren. Aber was ist die richtige Reaktion, wenn ich mich nicht alleine wehren kann/will?
        Wenn freundliche Hinweise zu keiner Besserung führen, dann ist es relativ menschlich, dass ich irgendwann deutlichere Worte wähle. Immerhin ist mir durch die Diskriminierung Unrecht widerfahren. Wenn dann die Aussage zu Gunsten der Form vernachlässigt wird, bekomme ich schnell das Gefühl, dass eine Beschwerde über Diskriminierung nichts bringt, außer dass ich selbst mich für seinen Ärger rechtfertigen muss, mein Verhalten also einer gründlicheren Kritik unterzogen wird als das der Person, die mich diskriminiert. Viele wollen sich dem in einer ohnehin schon emotional belastenden Situation nicht aussetzen und bleiben still.
        Stilkritik ist legitim, aber sie sollte nicht die erste Antwort auf beklagte Diskriminierung sein, sonst führt das dazu, dass man sich lieber gar nicht mehr dagegen wehrt, weil das Verhalten der Person, die sich gegen Diskriminierung wehrt, stärker sanktioniert wird als das der Person, die diskriminiert.
        Außerdem sind Menschen verschieden und auch wenn es die Ausnahme ist, kann ich aus eigener Erfahrung sagen – manche merken nicht durch freundliche Gespräche, sondern erst durch eine wütende Ansprache, dass ihr eigenes Verhalten verletzend ist. Und auch wenn der Brief konfrontativ ist – unsachlich oder aufbrausend ist er in meinen Augen nicht.

    • Sleeksorrow sagt:

      Hallo Laura,

      ich persönlich finde diese bipolare Komponente des Briefs wirklich sehr sehr schlecht für das zu erreichende Ergebnis. Und diese Komponente findet sich ganz genauso auch wieder in Deinem Kommentar.

      Du schreibst: „Dass der Brief kein Gesprächsangebot, sondern eine Konfrontation war, stimmt natürlich.“ hingegen dann sofort wieder: „Wir müssen dringend einen Weg finden, mit Diskriminierung umzugehen.“ Später dann „Ein nettes, offenes Gesprächsangebot hätte für mich zu viel “könnte” und “sollte” und “vielleicht”.“ aber dann wieder sofort ein „sondern auszuloten wie verbreitet Diskriminierung bei uns tatsächlich ist und was wir tun können“

      Immer wieder ein „Reden geht nicht mehr“ vs. „Wir müssen dringend reden“.
      Immer wieder das „Wasch mir den Pelz, aber mach mich nicht naß“.

      Eigentlich ist es damit egal, welchen Ansatz ein beliebiger Leser des Textes bevorzugt, er wird immer von dem einen oder dem anderen Teil des Textes vor den Kopf gestoßen. Ein Garant für ein sogleich folgendes „Ups, das ging denn wohl in die Hose…“

      Genauso ging es mir dann auch auf Twitter. Da ich in meiner Timeline viel Unterstützung für den offenen Brief erfahren hatte (ich zähle mich selbst zu den Unterstützern) und keinen, der den Brief abgelehnt hätte, wollte ich dieses „ausloten“ mal tun. Ich habe meine Timeline gefragt, wie die Situation für sie so aussieht, wie schwer das Problem ihnen persönlich denn vorkomme, wo die Probleme denn zu sehen sind. Meine Fresse, hab ich Gegenwind bekommen, weil ich auch nur die Möglichkeit offen gelassen hatte, ich könne der Meinung sein, daß es nicht unglaublich unerträglich schrecklich ist. Mein neugieriges „Wie seht ihr das“ wurde mir von denen verleidet, mit denen ich gerne zusammen gegen dieses Problem vorgegangen wäre. So arg viel scheint es hier nicht auszuloten zu geben, man kann nur entweder der Überzeugung sein, daß die Piraten nahe dem Sexismus/Rassismus Untergang stehen, oder man kann ein Relativierer sein. Nothing in between.

      Jemand, der eine Grundlage sucht, aufgrund derer er hier irgendwas ausloten könnte und sich überlegen kann, was man machen könnte, fällt aber mal schneller ins große Loch, als er „Mama, Papa, auf Wiedersehen“ twittern kann.

      Ich will aber weder irgend etwas relativieren, noch will ich mich damit abfinden, daß wir im Endstadium sind und nur die aller schwersten Geschütze gerade noch ausreichen, um die Apokalypse abzuwenden.

      So, nachdem ich lange genug lamentiert habe, formuliere ich auch noch meinen Wunsch: Ich würde es ober hammer klasse finden, wenn jemand, der in der Thematik schon drin steckt und daher aus den eigenen Reihen hoffentlich nicht so sehr angefeindet wird, eine Diskussionsgrundlage auf die Beine stellt, aufgrund derer man Fälle sammeln, diskutieren und bewerten kann. Wo jemand, der noch nicht in dem Thema ist, sich mit den Fakten vertraut machen kann. Und wo wir uns zusammensetzen können, um Gegenmaßnahmen zu entwickeln.

      Liebe Grüße,
      Daniel

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.